FILZ: Kleine Filzkunde

 

Was ist Filz?

Heute verbinden die meisten Menschen mit dem Begriff Filz eher Negatives.

Zum Beispiel in Politik und Wirtschaft werden damit unentwirrbare Verflechtungen und gegenseitige Abhängigkeiten bezeichnet.
Verfilzt sind Kopfhaare nach dem Waschen oder der Lieblingspullover – obwohl man ihn doch so schonend gewaschen hat. Er ist fast um die Hälfte geschrumpft, hart wie ein Brett und eben total verfilzt. Was ist geschehen?

Nun, das wertvolle Stück war wohl aus Natur belassener Wolle gefertigt. Durch die Einwirkung von Seife (Waschmittel), Wasser, Wärme und Bewegung haben sich die Haarschuppen der Schafwolle geöffnet und konnten sich somit ineinander verhaken. Das Filzen begann.
Während das Waschprogramm ablief, verhakten sich die Haare immer mehr und dichter und das lockere Strickwerk wurde zum Filz. Beim Spülen und Schleudern verdichtete sich dieser Filz noch mehr und schrumpfte zu dem Endergebnis, das wir alle leider schon einmal vorgefunden haben.

Um diesem Ablauf vorzubeugen, wird Schafwolle heute meist chemisch behandelt.

 

 

Für unsere Vorfahren war die Filzeigenschaft der Schafwolle ein Segen. Noch bevor Spindel oder Webstuhl erfunden waren, entdeckten die Menschen, dass die geschorene Wolle vom lebenden Schaf zu Decken, Teppichen und Stoffen verarbeitet werden konnte.

 

Natur belassende Schafwolle, die noch Wollfett, das Lanolin, enthält, hat ausgesprochen positive Eigenschaften. Sie ist Wasser und Schmutz abweisend, sehr gut isolierend gegen Kälte genauso wie gegen Hitze, schwer entflammbar und sie erzeugt in Form von Teppichen, Kissen und Wandbehängen ein wohliges Raumklima, das Geborgenheit vermittelt.

 

Wolle ist, je nach „Lieferant“ ein unglaublich vielfältiges Ausgangsprodukt. Während die Schafrassen der mittleren und kälteren Klimazonen zumeist robuste und raue Wolle liefern, so ist die Wolle der australischen Merinoschafe oder Lamas und Alpakas sehr weich und flauschig und leicht.

Es gibt eine Vielzahl an Schafrassen, deren Wolle sehr unterschiedliche Eigenschaften besitzt und nicht jede Wolle lässt sich zu Filz verarbeiten. Dazu gibt es eine sehr interessante Projektarbeit, die ich im Internet gefunden habe und hier gerne vorstelle: Projektarbeit Cornelia Lamm 

So werden beispielsweise aus robuster Bergschafwolle strapazierfähige Teppiche oder Pantoffel gefilzt und aus feiner Merinowolle mit Alpakawolle gemischt, weiche Babydecken oder kuschelige Schals.

In jedem Fall steht vor dem Filzen die Arbeit des Scherens, das Befreien von grobem Schmutz durch Waschen in kaltem Wasser, das Kämmen (Kardieren) der Wolle um Unreinheiten zu entfernen und die Haare parallel zu ordnen.

Für das Filzen werden die gekämmten Haare zu Wollvlies, Kardenband oder Kammzug geordnet.

 

Und nun kann es los gehen.

 

Das braucht man zum Filzen:

Unbehandelte Wolle im Band oder im Vlies

(optional: andere Tierhaare, Stoffe, Pflanzenfasern, … die unterschiedlichsten Materialien lassen sich einfilzen also einfach experimentieren)

Wasser. So warm, dass man mit den Händen gerade noch reinfassen kann.

Eine Schüssel für das heiße Seifenwasser.

Seife –Olivenseife hat sich besonders bewährt, da sie auch die Hände schont. Aber im Grunde ist es Geschmacksache.

Handtücher

Stabile Plastikfolie als Unterlage für den Tisch (und vielleicht auch darunter).

Zum Besprengen der Wolle mit dem heißen Wasser eine kleine Gießkanne oder eine Ballbrause.

Man kann das Wasser auch mit einem kleinen Besen aufspritzen.

Bambusrollo oder Anti-Rutsch-Kofferraummatten oder andere Gummimatten mit genoppter oder unregelmäßiger Oberfläche.

Gardine aus Kunstfaser oder Fliegengitter oder anderes feines durchsichtiges Gewebe, das nicht aus Naturmaterial ist - zum Sichern der ausgelegten Wolle beim ersten Anfilzen.

Luftpolsterfolie, die so genannte Noppenfolie. Aus ihr werden die Schablonen geschnitten und auch zum Walken und als Unterlage ist sie gut geeignet.

 

 

So geht’s

Beispiel Tasche

Der Filzprozess ist ein Schrumpfvorgang der Wolle. Je nach Wollsorte schrumpft die ausgelegte Wolle 30 bis 60 %. Das muss man beim Filzen berücksichtigen. Denn die Schablone muss dann so groß zugeschnitten werden. Wenn man es ganz genau wissen will, dann muss man eine Filzprobe mit der gewählten Wolle machen. Aber Achtung: die Dichte der ausgelegten Wolle hat ebenfalls Einfluss auf das Schrumpfen. 

Zuerst wird also eine Schablone aus Luftpolsterfolie ausgeschnitten. Diese Folie wird wie ein Trennmittel fungieren und verhindern, dass sich das Vorderteil der Tasche mit dem Rückenteil verbindet. Diese Art von Filzen nennt man Hohlraumfilzen.

Man muss dabei beachten, dass man die Folie nach oben hin lang lässt. Denn unsere Tasche soll ja einen Überschlag bekommen.

Ich möchte in den Überschlag der Tasche eine kleine Spirale einfilzen. Dafür muss ich einen Vorfilz fertigen. Aus diesem Vorfilz kann ich dann die gewünschte Spirale ausschneiden. Der Vorteil beim Arbeiten mit Vorfilz ist, dass das gewünschte Muster scharfe Konturen hat und beim Einfilzen auch behält.

Zum Erstellen eines Vorfilzes muss man zwei dünne Schichten in der gewünschten Farbe auslegen und nur ganz kurz anfilzen. Denn wenn ein Filzstück zu stark angefilzt ist, dann verbindet es sich später nicht mehr mit dem anderen Filz der Tasche. Also legen wir zwei Schichten der Wolle dünn aus. Und zwar dachziegelartig übereinander und quer zueinander. Das gewährleistet, dass die Wollfasern sich gut verbinden können.

Den Vorfilz lässt man am Besten kurz trocknen, denn dann lassen sich Muster prima ausschneiden.

Wolle auslegen

Zuerst legen wir für unsere Tasche das Muster aus, das später außen sichtbar sein wird.

Ich habe hier die rote Spirale aufgelegt und darüber hauchdünn einige Seidenfasern. An den Rändern der Tasche habe ich noch ein paar dünne gelbe Wollfasern ausgelegt. Beim Auslegen sollte man immer die Größe unserer Schablone im Auge haben. Die Fasern müssen so ausgelegt werden, dass sie in innerhalb von unserer Schablone liegen.

Nun können wir mit dem Auslegen der Wolle beginnen. Dies geschieht Dachziegelartig wie oben beim Vorfilz beschrieben. Wir ziehen kleine Stücke Wolle aus dem Kardenband und legen die Wollfasern aus. Aber diesmal benötigen wir vier Schichten! Nicht vergessen… die Größe der Schablone immer im Auge behalten. Die Grundfarbe der Tasche sollte so ausgelegt werden, dass an allen Seiten die Wolle etwas übersteht. Also später über den Rand der Folienschablone herausschaut. Es sollten schon so 3 – 4 cm sein.

Für die bessere Übersicht kann man die Schablone immer mal wieder auflegen. So in etwa sollte das aussehen. Die Schablone sollte ganz oben über die ausgelegte Wolle überstehen. Denn dort ist unser Überschlag.

Wenn wir die vier Schichten Wolle ausgelegt haben und die Größe überprüft haben, dann nehmen wir die Schablone wieder weg und legen sie erst mal zur Seite. Die ist später dran.

Wir bedecken die gesamte ausgelegte Wolle jetzt vorsichtig mit dem Fliegengitter oder der Gardine, damit nichts mehr verrutschen kann.

Erstes Anfilzen

Die Wolle ist jetzt fertig ausgelegt und mit dem Fliegengitter gesichert. Nun geht es ans Filzen.

Von der Mitte aus wird jetzt die Wolle durch das Gitter hindurch mit sehr heißem Wasser besprengt.

Nicht zu viel Wasser verwenden. Das ist gar nicht nötig. Die Wollfasern werden erst einmal das Wasser abstoßen. 

Dann fährt man ganz vorsichtig mit einem Seifenblock über die nasse Oberfläche und beginnt, die Wolle durch das Fliegengitter hindurch ganz sanft zu streichen. Ohne Druck und wirklich nur ganz, ganz leicht. Das ist am Anfang das Wichtigste. Man sollte die Fasern erst einmal wie ein rohes Ei behandeln. Beginnt man mit zu viel Druck und zu starkem Reiben, dann rutschen die Wollfasern auseinander statt in sich zusammen.

Das ist der häufigste Fehler, der von Filzanfängern gemacht wird. Ich schließe mich da nicht aus. Ich war früher auch immer zu stürmisch und ungeduldig und habe am Anfang auch zu schnell zu stark gefilzt. Also immer schön sanft und ganz langsam anfangen.

Wichtig! Man muss die unteren und seitlichen Ränder trocken lassen!!!!

Denn die benötigen wir später, um das Vorderteil unserer Tasche anfilzen zu können. Auch hier kann man immer mal wieder die Schablone auflegen, um zu sehen, wie weit man die Wolle feucht machen kann und wo der Rand beginnt. 

Aber der ganze Rest sollte jetzt nass sein. Es dürfen keine trockenen Stellen mehr innerhalb der Schablone sein. Durch die Seifenlauge kann das heiße Wasser schön in die Wolle eindringen. Durch das sanfte Streichen entweicht Luft.

Um für den Überschlag der Tasche einen sauberen geraden Rand zu bekommen, können wir mit Hilfe der unteren ausgelegten Plastikfolie den Rand einschlagen. Aber vorher das Fliegengitter vorsichtig entfernen! Sonst filzt das mit ein!

Über diese Folie streichen wir dann wieder mit den Händen. Eine ganze Zeit lang. Nach einer Weile kann man die umgeklappte Plastikfolie dann wieder vorsichtig aufschlagen.

Nun schneiden wir mit einer Schere kleine Schnitte an die Stelle der Tasche, wo der Überschlag anfängt. Und die Ränder werden ganz vorsichtig eingeschlagen und anfilzt. Aber nur die Ränder des Überschlags!!! Unten immer noch alles schön trocken überstehen lassen. Es ist übrigens nicht schlimm, wenn die unteren Ränder nass werden. Aber sie sollten auf keinen Fall angefilzt (gerieben) worden sein.

Jetzt kommt endlich unsere Schablone zum Einsatz. Sie wird aufgelegt.

Dann werden im unteren Teil zuerst einmal ZWEI Schichten Wollfasern aufgelegt. Aber diesmal nicht überstehend, sondern nur so groß, wie auch die Schablone ist!

Das Ganze wird dann wieder mit dem Fliegengitter bedeckt und mit heißem Wasser und Seife vorsichtig angefilzt. Aber die unteren und seitlichen Ränder der unteren Wollschichten lassen wir immer noch schön in Ruhe. Die sind gleich dran…

Nachdem wir das Fliegengitter wieder entfernt haben, werden wir nun ganz vorsichtig die unteren und seitlichen überstehenden Ränder einschlagen. Und zwar über die soeben an gefilzten zwei Schichten.

Besonders sorgfältig muss man dabei bei den Ecken sein. Es sollen keine dicken Umschlagwülste entstehen. Die Fasern sollten sorgfältig dünn über den zwei oberen Schichten liegen. Und vor allem sollte die Schablonenfolie direkt an der Kante innen liegen! Das kann man vorsichtig erfühlen.  

Danach legen wir die weiteren zwei Schichten Wollfasern wieder dachziegelartig auf den unteren Teil der Tasche. Hier sollen die Fasern jetzt nicht überstehen, aber den eingeschlagenen Rand vollständig bedecken. Damit schaffen wir eine schöne saubere Verbindung.

Die obere Kante der Tasche können wir auch wieder einschlagen, damit eine schöne gerade Linie entsteht.

Wir bedecken das ganze wieder mit dem Fliegengitter und mit heißem Wasser und Seife filzen wir durch sehr sanftes Reiben der Oberfläche das Wasser in die Wollfasern. Dabei müssen wir jetzt gut auf die Ränder achten. Sie müssen immer schön direkt an die innere Noppenfolie-Schablone anschließen.

Nach einer Weile werden sich die Fasern schon leicht verbunden haben. Das kann man mit einer Zupfprobe feststellen. Die einzelnen Fasern kann man zwar noch leicht auseinander ziehen, aber sie haben sich schon miteinander verbunden, also verfilzt.

So vorbereitet kann das Filzstück dann langsam und vorsichtig gewalkt werden. Walken ist der eigentliche Filzvorgang, bei dem sich die einzelnen Schafhaare zu einem Stück Stoff verbinden werden.

Walken, walken, walken…

Die Tasche wird mitsamt der inneren Schablone ganz vorsichtig in der Anti-Rutschmatte (oder dem Bambusrollo) eingerollt. Diese Rolle sichern wir dann mit den Schnürsenkeln.

Beim Einrollen kann es sehr nützlich sein, wenn man ein großes Handtuch als Unterlage verwendet. Denn durch das Einrollen entweicht viel Wasser aus der Wolle… Außerdem rutscht die Walkrolle auf der Handtuchunterlage nicht so sehr weg.

Dann wird die Rolle ganz vorsichtig und ohne Druck erst einmal so etwa 50 x hin und her gerollt.

Danach wird die Rolle geöffnet und das Filzstück um 90 Grad gedreht. Wieder eingerollt und wieder etwa 50 mal sanft hin und her gerollt. Wieder öffnen… wieder drehen… wieder einrollen… wieder weiterwalken.

Das machen wir, bis wir alle acht Seiten unseres Filzstückes bearbeitet haben.

Ein Filzstück schrumpft übrigens immer in die Richtung, in die es gewalkt, also gerollt wird. Hat man das Gefühl, dass die Tasche zu breit wird, dann sollte man sie mehr quer in der Breite walken, damit sie schmäler schrumpft.

Nun müsste die Tasche schon etwas stabiler sein. Man kann die innere Schablone kurz entfernen und die Kanten der Tasche bearbeiten. Dazu kann man eine Hand in die Tasche hineinstecken und mit der anderen Hand außen etwas fester dagegen reiben.

Zwischendurch kann man das Filzstück auch immer wieder mit heißem Wasser und Seife bearbeiten. Je heißer das Wasser, desto besser verfilzen die Fasern.

Vorerst nur etwas fester reiben und streichen. Später, wenn alles mehrmals gewalkt wurde und schon stabiler ist, kann man auch mal kneten oder die Tasche sanft auf den Tisch werfen. Dabei rücken die einzelnen Fasern noch mehr ineinander und verbinden sich fest.

Vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück….

Immer wieder muss die Tasche gewalkt werden. Das ist eine echte Geduldsprobe. Es dauert und dauert und dauert…

Nach einer Weile ist die Tasche schon sehr geschrumpft und die Fasern werden sich jetzt nicht mehr miteinander verbinden. Man kann die innere Schablone, die ja als Trennmittel fungiert hat jetzt endgültig entfernen und ohne sie weiterwalken. Man sollte aber immer wieder überprüfen, ob sich das Innere der Tasche auch wirklich nicht miteinander verbindet und verfilzt.

Wir walken mit immer stärkeren Druck auf die Rolle. Hat man das Gefühl, dass es einfach nicht voran gehen will, dann kann man zwischendurch die Tasche komplett in sehr heißes Wasser tauchen, leicht ausdrücken und dann wieder weiterwalken.

Man sollte in jedem Fall geduldig sein und nicht vorzeitig mit dem Walken aufhören. Denn ein schlecht gefilztes Stück wird sehr schnell unschön, wenn sich auf der Oberfläche durch die abstehenden Härchen Knötchen bilden bei der Benutzung später. Aber auch hier ist die Wollqualität wieder ausschlaggebend. Die Oberfläche von Filz aus Merinowolle ist sehr viel feiner, als die robuste Wolle vom Bergschaf.

Falls man keine Lust mehr hat, dann kann man das Filzstück auch gut einmal einen Tag liegen lassen und am nächsten Tag frisch ans Werk gehen. Sollte aber mehrere Tage nicht weiter gearbeitet werden, dann sollte man die Seifenlauge gut auswaschen. Denn die Seife greift die Wollfasern an. In jedem Fall muss man schon so vier Stunden für das Filzen Zeit haben.

Aber irgendwann ist es geschafft! Man kann dann deutlich erkennen, wie die Fasern sich verbunden haben. Vor allem, wenn man mit verschiedenen Farben gefilzt hat.

Jetzt muss die Seife noch gut ausgewaschen werden. Denn die Lauge schadet der Wolle. Dem letzten Spülgang fügt man deshalb einen kleinen Schuss Essig-Essenz hinzu. Damit die Seife neutralisiert wird.

Fertig ist unsere kleine Tasche.

Sie muss jetzt nur noch trocknen. Das kann unter Umständen zwei bis drei Tage dauern. Man sollte sie aber trotzdem nicht direkt auf die Heizung oder in die Sonne legen sondern bei normaler Raumtemperatur abwarten. So wie der Filz trocknet, sieht er später auch fertig aus. Daher ist es hilfreich, wenn man die Tasche über einem passenden Gegenstand in Form zieht. Ich verwende für Taschen zum Beispiel ein in Plastikfolie verpacktes Branchenbuch :)

Eines ist sicher… Filzen ist aufwendig, viel Arbeit und man braucht Zeit und Geduld.

Aber das Filzen macht auch viel Freude. Vor allem, wenn man dann die fertigen wunderschönen, nützlichen oder dekorativen Unikate betrachtet, die man selbst hergestellt hat.

Also, ran an den Filz!

 

   

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